Neue Lebensformen verändern das Berufsleben

Neue Zeiten, neue Lebensumstände und der damit eingehende Wandel unserer Lebensformen verändern auch das Berufsleben. Gibt es in diesem Kontext überhaupt Zusammenhänge und wenn ja, welche? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen. Doch zunächst gilt es zu klären, was überhaupt unter dem Begriff „Neue Lebensformen“ zu verstehen ist.

Lebensformen im gesellschaftlichen Wandel

Noch vor einigen Jahrzehnten war auch in Deutschland die traditionelle Familienform allein die Familie, die aus Eltern und Kindern bestand. Zwar gab es auch schon früher Scheidungen und Singlehaushalte. Doch die Mehrheit der deutschen erwachsenen Bevölkerung lebte noch bis in die 90ger Jahre des letzten Jahrhunderts als Ehepaar mit Kindern. Die restlichen Personen waren in der Minderheit. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich auf diesem Gebiet ein enormer Wandel vollzogen. Heute wohnen noch ungefähr 25% der erwachsenen Bevölkerung als Ehepaar mit Kindern im Haushalt zusammen. Bereits über 30% der Bevölkerung leben als Ehepaar ohne Kind zusammen. Auch die Alleinstehenden gehen auf die 30% Marke zu. Von einer Minderheit kann hier nicht mehr die Rede sein.

Dies ist das Ergebnis des seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenniveaus, der steigenden Lebenserwartung und der sinkenden Heiratsneigung vor allem bei den Jüngeren. Doch neben diesen immerhin noch traditionellen Formen gibt es heute eine Vielzahl von Alleinerziehenden, sprich ein Elternteil lebt allein mit einem oder mehreren Kindern gemeinsam. Es gibt natürlich die immer mehr gewollte Partnerschaft ohne Trauschein, die gleichgeschlechtliche Partnerschaft und auch diverse andere Formen des Zusammenlebens. Genannt seien hier neben der studentischen Wohngemeinschaft auch die zunehmend favorisierten Formen von Modellen des Zusammenlebens älterer Menschen (Generationenhaus oder Altenwohngemeinschaft). Und auch diese Aufzählung ist nicht abschließend, da die unterschiedlichen Lebensformen heute so zahlreich und bunt wie unsere gegenwärtige Gesellschaft sind.

 

Neue Lebensformen im Wandel der Zeit

Statistisch gesehen ist die Pluralisierung der Lebensformen hauptsächlich bei jüngeren Menschen in der ersten Lebenshälfte zu beobachten. Doch sie hält mit zunehmender Zeit auch mehr und mehr Einzug bei den älteren Menschen. Nicht nur gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften sind gesellschaftlich keine Besonderheit mehr. Es bilden sich auch absolut neue Lebensformen, bei denen jeder Partner in seinem Haushalt wohnen bleibt und die gemeinsame Zeit auf bestimmte Tage oder Zeiten beschränkt ist. Fernbeziehungen, gewollte Kinderlosigkeit oder Adoption sowie verschiedene Formen von Altenwohngemeinschaften. Nahezu alles erscheint möglich. Tendenziell lässt sich allerdings durch die vielen neuen Lebensformen eher eine Verringerung der durchschnittlichen Haushaltsgröße feststellen.

 

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Auch wenn die Gemeinschaft mit Kindern in den mittleren Altersgruppen in Deutschland bis heute noch immer die Hälfte aller Haushalte ausmacht, ist festzustellen, dass nicht konventionelle Lebensformen weiter zunehmen. Das gilt besonders in den letzten Jahrzehnten für die nichtehelichen Lebensgemeinschaften und die Alleinerziehenden. Interessant ist, dass diese Lebensformen auch schon früher existierten, jedoch häufig nur Ersatzlösungen darstellten, da sie gesellschaftlich nicht anerkannt waren. Heute werden sie jedoch von den Partnern ganz bewusst gewählt und stehen in ihrer Art der Anerkennung den althergebrachten Lebensformen in nichts nach.

 

Wertewandel – die klassische Rollenverteilung ist überholt

Nicht nur, dass in Deutschland seit 50 Jahren die Heiratsneigung nachlässt, auch bestehende Ehen werden in immer höheren Maß geschieden. Zudem trennen sich häufig verheiratete Paare räumlich, ohne jedoch die Heirat zu lösen. Damit verändert sich neben der partnerschaftlichen Beziehung natürlich auch das familiäre Zusammenleben. Es entstehen neue Stiefverhältnisse und sogenannte Patchworkfamilien. Daneben wird die Entscheidung für oder gegen Kinder immer bewusster getroffen. Der Kinderwunsch ist heute einfach planbarer. Mit einer bewussten Entscheidung für ein Kind nimmt auch die verantwortliche Elternschaft, die den Kindern eine optimale Entwicklung verspricht, zu.

Doch auch viele Paare entscheiden sich bewusst gegen Kinder, so dass auch die Kinderlosigkeit zunimmt. Und wenn sich Frauen zu einem Kind entschließen, geschieht dies mehr und mehr in späteren Jahren. Grund ist, dass es deutliche Veränderungen hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung von Frauen gibt. Verglichen mit früheren Generationen treten Frauen später in das Berufsleben ein. Doch dafür bleiben sie dann durchgehend erwerbstätig oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit nur kurzfristig. Viele von ihnen oder auch ihre Partner nutzen die immer mehr populären Teilzeitarbeitsmodelle. Das frühere Model der Ehe, bei dem die Mutter zu Hause bei den Kindern bleibt und der Vater die Ernährer Rolle ausfüllt, ist durch die variablen Lebensformen nahezu verschwunden.

 

Haben die neuen Lebensformen Auswirkungen auf das Berufsleben?

Aus dem bisher Gesagten ist klar, dass sich die Lebensformen in den letzten Jahrzehnten einem enormen Wandel unterzogen haben und dass es heute eine Vielfalt an Lebensformen und Modellen gibt. Jeder kann und darf sich dabei das ihm entsprechende für jeden einzelnen Lebensabschnitt heraussuchen. Einige Auswirkungen, wie die immer populärer werdenden Teilzeitarbeitsmodelle auch für Männer wurden bereits angesprochen. Und wie sieht es nun mit weiteren Auswirkungen der neuen Lebensformen auf das Berufsleben aus?

Zunächst gehen durch das geänderte Rollenverständnis immer mehr Frauen und darunter auch Mütter einer Erwerbstätigkeit nach. Bei einem konkreten Vergleich schneidet allerdings auch heute der Osten Deutschlands noch besser ab als der Westen. Grund dafür ist das immer noch weitaus bessere Kinderbetreuungssystem in diesen Bundesländern, dass Müttern den Wiedereinstieg in den Beruf leichter macht. Beide Geschlechter streben heute grundsätzlich eine gute Ausbildung und eine eigene Karriere an. Die Vielfältigkeit der Lebensformen ermöglicht auch eine eher individualisierte Wahl und Ausübung des Berufs. Doch hat sich das Berufsleben nicht auch selber – unabhängig von den geänderten Geschlechterrollen – gewandelt?

 

Wandel im Berufsleben – Umdenken zur Gesamt-Life-Balance

Immer mehr Arbeitnehmer und auch hochqualifizierte Berufseinsteiger sind nicht mehr bereit, sich bedingungslos den Wünschen der Arbeitgeber anzupassen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und auch die eigenen Lebenswünsche und Bedürfnisse rücken immer mehr in den Vordergrund. Es geht nicht mehr nur um eine Work-Life- Balance, sondern um eine Gesamt-Life Balance, die das gesamte Leben und damit auch das Berufsleben umfasst. Als Gegenreaktion auf den steigenden Stress und die geforderte Flexibilität und permanenten Erreichbarkeit im Arbeitsleben, gewinnen Zeit und Lebensqualität mehr und mehr an Bedeutung. Immaterielle Werte geraten dabei immer mehr in den Vordergrund.

Dieses Umdenken bewirkt anscheinend jedoch nicht, dass heute wirtschaftliche Werte überhaupt nichts mehr zählen. Umfrageergebnisse unter angehenden Arbeitnehmern haben in den letzten Jahren gezeigt, dass bei vielen Menschen der Wunsch nach einer eigenen Wohnung, einem Haus oder sogar einer Weltreise auch heute noch ganz oben steht. Und dafür muss weiterhin Leistung geboten werden. Die traditionellen Rollenmuster treten dabei, wie oben festgestellt, immer mehr in den Hintergrund. Junge Führungskräfte drängen unabhängig vom Geschlecht in Top-Positionen. Und zugleich gibt es auch immer mehr Männer, die zugunsten der Familie an Teilzeit und teilweise Auszeiten vom Beruf denken. Weiterbildung ist bei beiden Geschlechtern gleichermaßen begehrt, wird aber von den Frauen noch zielstrebiger umgesetzt.

 

Wechsel ist die neue Normalität

Doch nicht nur hinsichtlich der Familiensituation hat ein Umdenken stattgefunden. Immer mehr Arbeitnehmer können sich heute auch eine Auszeit vom Beruf vorstellen. Ein Sabbatjahr, eine Weltreise, eine Weile „kürzer treten“. Einige zieht es zurück an die Universität, um zu promovieren oder andere beginnen neben der Arbeit erst ein Studium. Auch der Aufbau einer selbständigen Tätigkeit neben dem Beruf steht hoch im Kurs.

Noch vor nicht so langer Zeit konnte ein Arbeitnehmer davon ausgehen, dass er sein gesamtes Berufsleben mit einem Beruf oder sogar bei einem Arbeitgeber verbringen wird. Heute ist das eher die Ausnahme. Immer mehr Arbeitnehmer gehen davon aus, noch einmal ganz neu zu beginnen, etwas Neues zu erlernen oder anzufangen. Wechsel sind zur Normalität geworden. Und auch die vorübergehende Arbeitslosigkeit ist kein Tabuthema mehr.

 

Immaterielle Werte sind im Kommen

Auch wenn sich heute noch die Mehrheit der Arbeitnehmer Kontinuität im Arbeitsleben von den Unternehmen wünscht, wird persönlich auch der Weg des zumindest kurzfristigen Ausstiegs in Erwägung gezogen. Individualistische Perspektiven, die Ausdruck des Gefühls und der Arbeitsumgebung sind, stehen dabei im Vordergrund. So müssen sich Unternehmen immer mehr damit befassen, kurzfristig freie Stelle zu besetzen und gute Rückkehrmöglichkeiten anzubieten. Klar wird auch heute noch auf ein gutes Gehalt geschaut. Doch die materiellen Werte (Dienstwagen, technische Ausstattung) scheinen in den letzten Jahren hinten den Wünschen nach Kreativität bei der Arbeit, flachen Hierarchien, einer angenehmen Arbeitsumgebung und guter Fortbildung zurückzustehen.

So bleibt festzustellen, dass die neuen Lebensformen, die heute gesellschaftlich möglich sind, als Ganzheit zu betrachten sind. Es kann und darf nicht nur alternativ und anders gewohnt, sondern auch gearbeitet werden.

 

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Susanne

4 Monaten ago

Ein schöner Artikel! Ich sehe das auch so, dass die neuen Lebensformen das Berufsleben verändern werden. Gerade für Mütter sind familienfreundliche Unternehmen, die Home Office und flexible Zeiteinteilung bieten, sehr interessant.
Viele liebe Grüße
Susanne

DR

4 Monaten ago

Danke Susanne. Schön, wenn die Unternehmen diesen Trend vermehrt aufgreifen würden. Herzliche Grüße, Dagmar

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